Jürgen Ulderup als Leiter der Zittwerke AG – Vortrag in den Städtischen Museen Zittau
2018 haben Dr. Michael Kamp und Ina Deppe gemeinsam mit Robert Kieselbach im Auftrag der Dr. Jürgen und Irmgard Ulderup Stiftung die wissenschaftliche Biografie „Jürgen Ulderup (1910 bis 1991). Manager, Unternehmer und Stifter“ vorgelegt. Auf dieser Forschungsgrundlage folgten Ina Deppe und Michael Kamp am 1. September 2026 einer Einladung der Städtischen Museen Zittau. In den historischen Räumlichkeiten des Kulturhistorischen Museums Franziskanerkloster referierten sie über „Jürgen Ulderup als Leiter der Zittwerke AG“. Der Vortrag fand im Rahmen des Begleitprogramms statt, das der Sonderausstellung „Staatsgeheimnis! Die Zittwerke. Ein Rüstungskonzern im Nationalsozialismus“ vorangestellt ist.
Vom Wirtschaftsingenieur zum Rüstungsmanager
Mit biografischem Zugang zeichnete der Vortrag zunächst Ulderups Weg in die nationalsozialistische Rüstungswirtschaft nach. Nach Studium und Berufseinstieg bei der Auto Union wurde er 1934 von der Gestapo verhaftet und für zwei Wochen im KZ Sachsenburg interniert. Danach vollzog er Anpassungsschritte an das NS-Regime: freiwilliger Wehrdienst, Beitritte zu NSDAP und Reiter-SS sowie Mitarbeit im SD. 1941 übernahm er bei den Junkers-Motorenwerken in Dessau die Leitung des „Technischen Hauptbüros Motorenbau“. Hier wurden Motorenprogramme in Fertigungs- und Montagepläne für die verschiedenen Jumo-Werke übersetzt sowie Maschinen, Material und Produktionsabläufe koordiniert.
Ulderup verkörperte einen neuen Typus des Rüstungsmanagers. Er war kein Motorenkonstrukteur, sondern Wirtschaftsingenieur und Organisator, dessen Bedeutung in der Koordinierung komplexer industrieller Produktionsprozesse lag. Seit 1942 war er zudem stellvertretender Leiter des Sonderausschusses Triebwerke T1 und damit in eine wichtige Schnittstelle zwischen Industrie und staatlicher Rüstungsorganisation eingebunden.
Jumo 004 und Aufbau der Zittwerke
Besondere Bedeutung gewann Ulderups Tätigkeit ab 1943 mit der forcierten Entwicklung und Produktion des Strahltriebwerks Jumo 004, das vor allem für den Düsenjäger Messerschmitt Me 262 benötigt wurde. Infolge der alliierten Luftangriffe auf die deutschen Großstädte wurden zudem Teile des Junkers-Motorenbaus in als „bombensicher“ geltende Regionen verlagert, was Ulderup federführend organisierte. 1944 übernahm er die Betriebsführung und technische Leitung des Junkers-Tarnunternehmens Zittwerke AG, um hier einen Standort zur Serienproduktion des Jumo 004 aufzubauen. Neben Produktionsstätten in der Zittauer Textilfabrik Moras-Werke und auf dem Kasernengelände Kleinschönau (heute Sieniawka in Polen) umfasste der Produktionsverbund zahlreiche kleinere Betriebe in Zittau und der Oberlausitz und reichte bis ins deutsch besetzte Tschechien. Anfang 1945 sind für den gesamten Komplex mehr als 10.000 Beschäftigte nachweisbar.
Zwangsarbeit und KZ-Häftlingseinsatz in der Luftrüstungsindustrie
Einen weiteren Schwerpunkt des Vortrags bildete die wachsende Bedeutung von Zwangsarbeit für die stark expandierende deutsche Luftfahrtindustrie und die Zittwerke. Allein an den Zittauer Standorten waren zeitweise etwa 4.000 bis 5.000 Menschen beschäftigt. Ein großer Teil von ihnen waren Kriegsgefangene sowie zivile Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus zahlreichen Nationen. Auch Zweigbetriebe außerhalb Zittaus unterhielten eigene Zwangsarbeiterlager.
Im Oktober 1944 entstand auf dem Gelände der Zittwerke in Kleinschönau ein Außenlager des Konzentrationslagers Groß-Rosen. Etwa 450 jüdische Frauen wurden aus dem Konzentrationslager Auschwitz zur Arbeit in die Zittwerke überführt. Anfang 1945 kamen im Zuge der „Evakuierung“ der weiter östlich gelegenen Konzentrationslager mehrere hundert männliche KZ-Häftlinge hinzu. Viele von ihnen waren durch Evakuierungstransporte, Hunger und Gewalt geschwächt und starben angesichts von Mangelversorgung und hoher Arbeitsbelastung. Ulderup stand als sogenannter „Betriebsführer“ an der Spitze eines Unternehmens, das Tausende Zwangsarbeitende einsetzte.
Von Zittau nach Halberstadt – Untertageverlagerung „Malachit“
Der Vortrag führte schließlich von Zittau nach Halberstadt. In den Thekenbergen bei Halberstadt entstand seit 1944 unter dem Tarnnamen „Malachit“ ein unterirdisches Werk der Junkers-Motorenwerke. Für die Bauarbeiten und später auch für die Produktionsvorbereitung wurden mehrere tausend Häftlinge des KZs Langenstein-Zwieberge eingesetzt. Mindestens 1.800 Häftlinge starben bei dem Einsatz bis Mitte April 1945.
„Malachit“ war eines von zahlreichen Projekten der Untertageverlagerung, die die Luftfahrtindustrie in der späten Kriegsphase gemeinsam mit dem sogenannten „Jägerstab“ und der SS u. a. in der Harzregion durchführte. Eine konkrete Verbindung zwischen den Zittwerken und „Malachit“ ist nachweisbar. In den Thekenbergen sollten wohl ursprünglich Komponenten des Jumo 004 gefertigt und dann nach Zittau geliefert werden. Aufgrund des Vorrückens der Roten Armee wurde „Malachit“ jedoch zum Verlagerungsbetrieb. Ab März 1945 wurden u. a. Maschinen aus Zittau nach Halberstadt transportiert; im April 1945 lief die Fertigung von Teilen des Jumo 004 in den Thekenbergen noch in geringem Umfang an.
Verantwortung und Erinnerung
Der Vortrag endete mit einem Ausblick auf Ulderups beruflichen Neustart nach 1945 und seine Karriere als Gründer eines mittelständischen Automobilzulieferers, der zur wirtschaftlichen Entwicklung der strukturschwachen Dümmer-Region maßgebliche Impulse gab. 1983 gründete er die Dr. Jürgen und Irmgard Ulderup Stiftung. Seine Erfahrungen und Netzwerke aus der Zeit als NS-Rüstungsmanager nutzte Ulderup für den Aufbau seines eigenen Unternehmens. Einer Entnazifizierung entging er durch Ortswechsel. Ein selbstkritischer Umgang mit der eigenen Rolle in der NS-Rüstungsindustrie blieb aus. Hingegen wurde seine Teilhabe an den enormen Rüstungsanstrengungen noch 1986 mit dem „Junkers-Ehrenbecher“ geehrt.
Das rege Interesse an der Veranstaltung und die anschließende Diskussion mit Bürgerinnen, Bürgern und Fachpublikum zeigen die Bedeutung des Themas in Zittau. Dank gilt Dr. Peter Knüvener, dem Leiter der Städtischen Museen Zittau, und seinem Projektteam für die Einladung und Organisation sowie der Dr. Jürgen und Irmgard Ulderup Stiftung für die Unterstützung der Veranstaltung. Die Sonderausstellung wird in Zittau am 14. November 2026 eröffnen und bis April 2027 im Kulturhistorischen Museum Franziskanerkloster zu sehen sein. Sie ist Teil eines größeren Projekts der Städtischen Museen zur wissenschaftlichen und öffentlichen Auseinandersetzung mit den Zittwerken und führt dieses weiter. Gerade für die lokale NS-Aufarbeitung und Erinnerungskultur ist diese Arbeit von großer Bedeutung.
Zu den Referenten
Dr. Michael Kamp ist Historiker und Autor zahlreicher wissenschaftlicher Studien zur deutschen Wirtschafts-, Technik- und Zeitgeschichte. Er hat sich auf historische Biografien spezialisiert. Dazu zählen Monografien über den Unternehmer und Techniker Heinrich Dräger, den Kapitän und Verkehrsexperten Wilhelm Ulderup sowie über Jürgen Ulderup. In seinen Werken verbindet er individuelle Lebensläufe mit der Politik-, Wissenschafts-, Technik- und Unternehmensgeschichte.
Ina Deppe M.A. ist Historikerin und Expertin für NS-Unternehmens- und Institutionengeschichte sowie nationalsozialistisches Unrecht. In einer neueren Studie hat sie den NS-Zwangsarbeitereinsatz in den Vorgängerinstitutionen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) aufgearbeitet. Sie promoviert derzeit an der LMU München zur kommunalen NS-Jugendpolitik in der „Hauptstadt der Bewegung“.
Ina Deppe und Michael Kamp im Gespräch mit dem Zeitzeugen Siegfried Grimm (Mitte), (Foto: Peter Knüvener)
Das Strahltriebwerk Jumo 004 – entwickelt von den Junkers Motorenwerken und eingesetzt unter anderem in der Messerschmitt Me 262. Es wurde in mehreren Zweigwerken und Tarnunternehmen wie den Zittwerken hergestellt. (Bild aus: Michael Kamp / Ina Deppe / Robert Kieselbach: Jürgen Ulderup (1910 bis 1991). Manager, Unternehmer und Stifter, München: August Dreesbach Verlag 2018.)
Die Me 262 – der erste in Serie produzierte Düsenjäger, angetrieben von zwei Jumo-004-Triebwerken. (Bild gemeinfrei) Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung
Im Auftrag des Dokumentationszentrums Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin untersuchten wir, wie Flüchtlinge und Vertriebene, die nach 1945 nach Berlin kamen und dort blieben, lebten und arbeiteten, was sie beschäftigte, wie man ihnen begegnete und wie sie die Stadt langfristig prägten.
Dafür recherchierten wir Lebensgeschichten, Gesprächspartner und Objekte, die Geschichte und Alltag von Flüchtlingen und Vertriebenen in West- und Ost-Berlin bis 1969 vermitteln. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf den Reaktionen der DDR-Behörden, insbesondere der Beobachtung der sogenannten Umsiedler durch die Staatssicherheit. Ergebnis unserer Recherchen waren zwei themenspezifische Berichte, Kurzbiografien, Kontakte zu Zeitzeug sowie eine Liste mit knapp 120 möglichen Ausstellungsobjekten.
Die Recherchen dienten der Vorbereitung der Sonderausstellung „Zuflucht Berlin. Vertriebene in der geteilten Stadt“, die ab Frühjahr 2027 auf rund 460 Quadratmetern im Dokumentationszentrum zu sehen sein wird.
Der Paritätische Gesamtverband
Für den Paritätischen Gesamtverband in Berlin haben wir Geschichte dieses Dachverbands der Freien Wohlfahrtspflege in Deutschland und seiner Vorgängerinstitutionen recherchiert. Der Verband wurde 1924 als „Fünfter Wohlfahrtsverband“ in der Weimarer Republik gegründet, 1934 aufgelöst und nach dem Zweiten Weltkrieg wiedergegründet. Die Ergebnisse flossen in ein verbandsinternes Geschichts-Wiki.
In rund 50 thematischen Artikeln wird ein weites Spektrum abgedeckt. Es reicht von A wie „Agenda 2010“ bis W wie „Wohnen“. Hinzu kommen 24 biografische Artikel, die zentrale Akteur:innen des Verbands vorstellen. Ein Schwerpunkt der Darstellung liegt in der Verknüpfung der Verbandsgeschichte mit der Geschichte der sozialen Bewegungen, die die Bundesrepublik seit den 1960er Jahren prägten. Hierzu gehören zum Beispiel die Frauenbewegung, die Selbsthilfebewegung und die Behindertenbewegung.
Der Paritätische in Bayern
Der Paritätische in Bayern ist einer der sieben Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in Bayern. Wir haben die 100-jährige Geschichte des 1924 gegründeten Verbands recherchiert und aufgearbeitet.
Hierzu haben wir ein Geschichtswiki erstellt, in dem historische Dokumente, audiovisuelle Medien, Erinnerungen von Zeitzeug:innen sowie spannende Geschichten und Zusammenhänge aus 100 Jahren Sozialer Arbeit präsentiert werden. Zusätzlich zum Geschichtswiki haben wir einen Zeitstrahl erarbeitet, der überraschende und unbeachtete Daten, Fakten und Anekdoten aus der Verbandsgeschichte präsentiert und als Vorlage für Social-Media-Posts auf Instagram und Facebook sowie für die Gestaltung eines Messestandes für die Fachmesse ConSozial diente. Ein von uns konzipiertes interaktives Onlinequiz auf der Website und dem Instagram-Account des Verbands weckt zusätzliches Interesse für die Inhalte des Wikis.
Link zum Geschichtswiki: https://www.wiki.paritaet-bayern.de
125 Jahre RWE
2023 feierte die RWE AG ihren Zum 125. Geburtstag des Essener Energiekonzerns RWE unterstützten wr das Unternehmen bei den Arbeiten an einer neuen Webseite. Wir recherchierten zudem Geschichte(n), Meilensteine und Kuriositäten aus über zwölf Jahrzehnten RWE-Geschichte: Von der Gründung 1898 über die Blütezeit der Braunkohle bis zum heutigen Ausbau der erneuerbaren Energien. Wer gründete das Unternehmen? Was haben Heinz Nixdorf und Konrad Adenauer mit RWE zu tun? Warum investierte der Essener Energieriese in den 1970er-Jahren in die Elektromobilität? Diese und weitere Fragen werden in kurzen Geschichten und Videos beantwortet.
Erfahren Sie mehr: RWE-Konzerngeschichte
ALTE LEIPZIGER
In Zusammenarbeit mit der Hamburger Agentur hsn haben wir für die Versicherung ALTE LEIPZIGER – HALLESCHE einen digitalen Zeitstrahl realisiert. Dieses interaktive Tool ermöglicht es, die über 200-jährige Geschichte der Versicherung auf innovative Weise zu erleben. Kurze, informative Texte und aufbereitetes Bildmaterial aus dem Archiv veranschaulichen die historische Entwicklung des Unternehmens. Ergänzende Hintergrundinformationen setzen die Ereignisse in den jeweiligen historischen Kontext. Der Zeitstrahl umfasst mehrere Epochen-Abschnitte von 1819 bis 2019. Er bietet eine spannende, digitale Entdeckungsreise. Mit diesem Projekt wurde die Geschichte der ALTEN LEIPZIGER digital erlebbar gemacht.
Geschichte digitalBSH Hausgeräte GmbH
Für die BSH Hausgeräte GmbH in München hat Neumann & Kamp zum 50. Jubiläum im Jahr 2017 ein Geschichtswiki konzipiert. Das frei im Internet verfügbare Wiki präsentiert die Firmen- und Markengeschichte der BSH – von den ersten Staubsaugermodellen bis zur modernen Home Connect-App. Seit der Freischaltung erfreut es sich hoher Beliebtheit und verzeichnet hunderttausende Zugriffe. Das Wiki strukturiert und verlinkt eine Vielzahl von Inhalten, darunter Texte, Bilder, Quellen sowie Videos und Zeitzeugengespräche, und ermöglicht so eine interaktive Entdeckungsreise. Es wird kontinuierlich aktualisiert und bietet Nutzer:innen sowohl eine gezielte Recherche als auch eine inspirierende Navigation durch die Unternehmensgeschichte.
Das Max-Planck-Institut für Eisenforschung (MPIE) 1917–2017

90 Jahre Martin Luther Krankenhaus in Berlin
Das Martin Luther Krankenhaus (MLK) in Berlin-Wilmersdorf ist ein Akut- und Unfallkrankenhaus sowie Akademisches Lehrkrankenhaus der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Das Haus wurde 1931 eröffnet und feierte 2021 sein 90jähriges Jubiläum. Wir haben das traditionsreiche Krankenhaus bei seinen Social-Media-Aktivitäten rund um das Jubiläum unterstützt. Hierzu gehörten Recherchen zu historischen Hintergrundinformationen und die Erstellung von Inhalten für die eigens eingerichtete Jubiläums-Webseite und die Social-Media-Kanäle.
Weitere Informationen erhalten Sie hier: www.jsd.de/90jahre-mlk
Seit 1866 in aller Munde
1866 stellt Richard Armandus Krüger in seinem Kolonialwaren- und Spezialitätengeschäft in Leipzig nach eigener Rezeptur erstmals seine neuen Halspastillen her. Als „Echte Krügerol® Katarrh-Bonbons“ kann Krügerol®, heute eine Marke der Klosterfrau Healthcare Group, fortan bei Erkältung, Husten und Heiserkeit Erfolge vom Kaiserreich über die DDR-Zeit bis heute feiern. Neumann & Kamp recherchierte in Leipzig und Köln im Jahr 2015 im Auftrag von Klosterfrau die spannende und bewegte Geschichte zum Jubiläum dieses Klassikers, der auch heute noch wie damals eine eingeschworene Fangemeinde besitzt.
