Studien zur Geschichte der Vorgängerorganisationen des DLR von 1907–1945. Der „Unrechts“-Band: Verfolgung, Menschenversuche und Zwangsarbeit. Teilstudie „Verfolgung“.
6. Juli 2026Die DLR‑Vorläufer dienten dem NS-Regime samt dessen Angriffs- und Vernichtungskriegen nicht nur durch ihre Beiträge zur Luftfahrtforschung. Sie dienten dem NS-Regime auch bei der Diskriminierung von jüdischen und politisch verfolgten Mitarbeitenden, mithin auch im ideologischen Kernbereich des Regimes. Dies ist die Quintessenz der ersten von drei Teilstudien des Bandes 3 aus der Reihe „Die Geschichte der Vorgängerorganisation des DLR von 1907–1945“.
Drei Teilstudien. Vier Mitarbeitende von Neumann & Kamp erarbeiteten diese drei Teilstudien. Robert Kieselbach und Christian Schwartz untersuchten den Aspekt der Menschenversuche, Ina Deppe jenen der Zwangsarbeit, Christian Rohrer verfasste die Teilstudie zu Verfolgung. Letzterer auch leitete das Projekt, dessen Resultate in diesen Band mündeten, und führte die Ergebnisse der Teilstudien in einem kurzen abschließenden Text zusammen. Die genannten Themen verbindet bei allen Unterschieden eine gemeinsame Fragestellung: Inwieweit haben die DLR-Vorläufer Menschen geschadet, für die sie selbst verantwortlich waren? Nicht zuletzt daran bemisst sich die historische Verantwortung, die das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) als Nachfolgeorganisation dieser Luftfahrtforschungsanstalten heute trägt.
Die DLR-Vorläufer. Das waren die Aerodynamische Versuchsanstalt (AVA) in Göttingen, die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) in Berlin-Adlershof, die Drahtlostelegraphische und Luftelektrische Versuchsstation Gräfelfing (DVG) sowie das Flugfunk-Forschungsinstitut Oberpfaffenhofen (FFO), und schließlich die Deutsche Forschungsanstalt für Luftfahrt (DFL) in Braunschweig, ab 1938 als Luftfahrtforschungsanstalt Hermann Göring (LFA) bezeichnet.
Verfolgung. Die Verfolgung von jüdischen und politisch „belasteten“ Mitarbeitenden setzte im Deutschen Reich unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 ein. Die wesentlichen rechtlichen Grundlagen diese weltanschaulich begründeten Verfolgung waren das Berufsbeamtengesetz vom April 1933 und das Reichsbürgergesetz vom September 1935. Die DLR-Vorläufer beteiligten sich an dieser Verfolgung; sie unterscheiden sich insofern grundsätzlich nicht von vielen anderen wissenschaftlichen Institutionen, für die solche Verfolgung bereits nachgewiesen wurde. Ein präziser, quantifizierender Vergleich wird dabei im Fall der DLR-Vorläufer durch einen ungenügenden Forschungsstand und die schlechte Quellenlage verunmöglicht.
Der Umgang mit jüdischen Mitarbeitenden. Mit jüdischen Mitarbeitenden war im Wesentlichen nur bei jenen DLR-Vorläufern zu rechnen, die bereits 1933 existierten. Dies war bei AVA, DVL und DVG der Fall, während DFL und FFO erst 1936/1937 gegründet wurden. Gesichert ist, dass es bei der AVA und bei der DVL bereits zur Weimarer Zeit jüdische Mitarbeitende gab, bei der sehr kleinen DVG nicht. Dabei muss entlang der NS-Gesetzgebung differenziert werden. Für „Volljuden“ (drei oder jüdische Großeltern) war in Luftfahrtforschungsanstalten ab 1933 generell kein Platz mehr. Bei der AVA konnte ein jüdischer Ingenieur nicht in den Betrieb zurückkehren, bei der DVL wurden mindestens fünf Ingenieure aus „rassischen“ Gründen entlassen beziehungsweise zum Verlassen der Luftfahrtforschungsanstalt gedrängt. Mehr Spielraum bestand bei „Mischlingen“ (ein/zwei jüdische Großeltern) und „jüdisch Versippten“ (nichtjüdische Ehepartner), hier sind wenige Fälle der Weiterbeschäftigung bekannt. Offenbar wurde, wie in anderen wissenschaftlichen Institutionen auch, in allen Luftfahrtforschungsanstalten die antisemitische Ausgrenzung schon bald in ihre Verwaltungspraxis integriert. Dies geschah beispielsweise durch die systematische Überprüfung der Belegschaft anhand von „Arierfragebögen“ und durch die Verankerung des „Ariernachweises“ in der Betriebsordnung. Bei mindestens einem Mitarbeiter – Franz Siegmund Eisner (siehe Bild) – stand die Herausdrängung aus der DVL 1933 am Anfang einer Abfolge, an deren Ende Eisner Opfer des Holocaust wurde. Er wurde 1944 in Auschwitz ermordet.
Der Umgang mit politisch verfolgten Mitarbeitenden. Politische Verfolgung im NS-Staat betraf im engeren Sinne vor allem Angehörige oppositioneller Parteien, Gewerkschaften und von Kirchen. Im weiteren Sinne zählen all jene dazu, die wegen manifestierter Gegnerschaft zum NS-Regime verfolgt wurden. In den DLR-Vorläufern wurden zunächst wie andernorts auch zunächst Personen aus dem Arbeitermilieu auf politische „Belastung“ überprüft, auch in Zusammenarbeit mit Abwehr und Gestapo. Ab Mitte der 1930er-Jahre weitete das NS-Regime die Repression auf allgemein systemwidriges Verhalten aus. Die Leitungen der Luftfahrtforschungsanstalten mussten dabei auch auf politische Verfolgung durch Dritte reagieren, insbesondere durch die Gestapo. Sie versuchten daher, politische Konflikte durch Kooperation von Personalabteilung, DAF und Abwehrbeauftragten möglichst vorab intern zu klären, ehe sie nach außen drangen. In wenigen Fällen wurden Personen der DLR-Vorläufer aufgrund politischer „Belastung“ entlassen; dabei war politische „Belastung“ mehrfach nur ein Faktor unter anderen. Wesentlich gewichtigere Faktoren bei Entlassungen waren die Aspekte von Sicherheit und Geheimhaltung. Zudem zeigten sich in den DLR-Vorläufern bei politischer Verfolgung im Vergleich zur „rassischen“ Verfolgung größere Handlungsspielräume. Anders als bei „Volljuden“ war für politisch „belastete“ Personen weiterhin Platz in den Luftfahrtforschungsanstalten. Einige von ihnen wurden wiederbeschäftigt, in mindestens einem Fall sogar aus der Haft heraus. Die Luftfahrtforschungsanstalten sicherten sich so dringend benötigte Arbeitskräfte und konnten zugleich in solchen Fällen für die Betroffenen als „Schutzraum“ dienen. Das waren aber sicherlich Ausnahmen. Demgegenüber ist gesichert, dass ein direkter Weg vom Ausschluss eines homosexuellen Mitarbeiters durch die DVL 1939 zu seiner Ermordung im KZ Sachsenhausen drei Jahre später führte.
Der Autor der Teilstudie zu „Verfolgung“ ist Dr. Christian Rohrer. Er hat bereits zahlreiche Publikationen zu verschiedenen Aspekten des Nationalsozialismus veröffentlicht (mehr hier).


Band 3 der Reihe „Die Geschichte der Vorgängerorganisation des DLR von 1907–1945“, verfasst von Christian Rohrer, Ina Deppe, Robert Kieselbach und Christian Schwartz: „Verfolgung, Menschenversuche und Zwangsarbeit. Unrecht in den Vorläufern des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (1933–1945)“.